Milvignes (NE): Bôle – Strassenbegrünung zur Verkehrsberuhigung

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Die Rue du Temple ist das historische Rückgrat des alten Ortskerns von Bôle (2'000 Einwohnende). Die Strasse hatte sich nach und nach zu einer Ausweichroute für den Pendlerverkehr entwickelt, was ihrem Status als Begegnungszone widersprach. Die Sanierung der Werkleitungen bot die Gelegenheit, die Strasse fussverkehrsfreundlich umzugestalten, sie der Bevölkerung zurückzugeben und einen wasserdurchlässigen Belag zu implementieren. Der Pflästerbelag von Fassade zu Fassade, der nicht geradlinige Strassenverlauf, der zentrale Platz mit Brunnen und seitliche Pflanzbeete strukturieren den Raum und verlangsamen den motorisierten Verkehr. Die Begrünung zieht sich auf die Privatgrundstücke weiter und wird von der Anwohnerschaft gepflegt, was zur Identifikation mit dem Ort und zu seiner Aneignung beiträgt. Das im Rahmen eines partizipativen Prozesses konzipierte Projekt hat den motorisierten Durchgangsverkehr reduziert, das Mikroklima verbessert und neue Aufenthaltsmöglichkeiten geschaffen.


Die Rue du Temple bildet das historische Rückgrat des alten Ortskerns von Bôle. Aufgrund ihrer geringen Breite und der historischen Bebauung war die Strasse als Begegnungszone signalisiert. Mangels entsprechender Gestaltung etablierte sie sich aber zu einer Abkürzung für den motorisierten Pendlerverkehr nach Boudry. Dies schmälerte die Lebensqualität der Anwohnerschaft und den kulturellen Wert der historischen Strasse.

Das Projekt trug der Notwendigkeit Rechnung, die Strasse wiederherzustellen und ihrer Bestimmung als Begegnungszone Geltung zu verleihen. Die Sanierung der unterirdischen Werkleitungen bot die Gelegenheit für eine ehrgeizigere Umgestaltung. Die Strasse wurde von Fassade zu Fassade neu gepflästert ohne Differenzierung zwischen Fahrbahn und Seitenbereichen. Der wasserdurchlässig verfugte Pflästerbelag verlangsamt die Fahrgeschwindigkeit und knüpft an lokale Bautraditionen an. Die Verkehrsberuhigung erfolgte durch unauffällige Gestaltungsmassnahmen: einen nicht geradlinigen Strassenverlauf mit seitlichen Pflanzbeeten, den Wechsel zwischen Abschnitten mit und ohne Gegenverkehr sowie einen um einen Brunnen mit Möblierung und Baum herum gestalteten zentralen Platz. Die Begrünung besteht aus Bäumen, Sträuchern und Stauden. Sie trägt zur Strukturierung des Raums, zur Anpassung an den Klimawandel und zum Regenwassermanagement durch direkte Versickerung und Ableitung in die Pflanzbeete an den Fassaden bei. Die Begrünung zieht sich auf Grundlage individueller Vereinbarungen mit der Anwohnerschaft auf die Privatgrundstücke weiter. Die begrünte Strasse wird durch Menschen belebt, die das installierte Mobiliar nutzen und die Vegetation betrachten oder pflegen. Durch den partizipativen Ansatz mit Rundgang, Workshop, Einzelgesprächen und öffentlicher Präsentation konnte die Anwohnerschaft in allen Phasen mitwirken, was sich im Ergebnis niedergeschlagen hat: Der Durchgangsverkehr und die Fahrzeuggeschwindigkeit haben abgenommen, am Brunnen finden wochenends Apéros statt und bei einem Stadt-Picknick wird die Strasse mitunter auch ganz gesperrt. 

Transferiebarkeit und Vorbilcharakter
Das Projekt zeigt, wie ein Dorfkern durch moderate Massnahmen wieder als Ort der Begegnung etabliert werden kann, ohne den Autoverkehr zu verbieten. Die Methode – Umsetzung im Zuge der Sanierung unterirdischer Werkleitungen, Verknüpfung mit einem partizipativen Prozess und zeitgleiche Einwirkung auf Form, Materialisierung und Raumordnung – lässt sich direkt auf andere Gemeinden vergleichbarer Grösse übertragen. Die Gemeinde Milvignes dokumentiert das Projekt als interne Referenz für künftige Massnahmen im Strassennetz des alten Ortskerns.
Beteiligung des Einwohnerinnen und Einwohner
Die Zustimmung der Anwohnenden war ein zentraler Hebel für den Erfolg des Projekts. Die Anwohnenden wurden nicht nur im Vorfeld konsultiert, sondern sind – unter anderem durch Vereinbarungen über die Begrünung von Privatgrundstücken – nun auch in die Gestaltung und den Unterhalt des Strassenraums und der Umgebung involviert. Diese Mitverantwortung trägt zu einer sorgfältigen Pflege und nachhaltigen Aneignung des Raums sowie zur kollektiven Wachsamkeit hinsichtlich der Einhaltung der Nutzungsregeln bei. Sie verleiht dem Projekt eine lebendige, evolutive Dimension, in der die Qualität des öffentlichen Raums gleichermassen von seiner Gestaltung und vom Engagement der Nutzenden abhängt.


Beteiligten

Auftraggeber: Gemeinde Milvignes (NE), Service technique et de la mobilité

Auftragnehmer:
Landschaftsarchitektur, Stadtplanung und Projektleitung: Urbaplan, Neuchâtel

Bauingenieurwesen und Mobilität: sd ingénierie, Neuenburg

Meilensteine

Phase 1 – 2021: Erste Überlegungen der Gemeinde zur Neugestaltung der Rue du Temple

Phase 2 – 2022: Strukturierter partizipativer Prozess: Rundgang und Workshop mit Anwohnenden und Gewerbetreibenden; Ausarbeitung des Vorentwurfs unter Einbeziehung der Ergebnisse der Bürgerbeteiligung; öffentliche Präsentationsveranstaltung

Phase 3 – 2023: Projektentwicklung, technische Koordination mit den Netzbetreibern und Abschluss von Vereinbarungen mit den Anwohnenden über die Bepflanzung von Privatgrundstücken; Einholung der Bewilligungen und kantonale Genehmigung der Verkehrsverordnung

Phase 4 – August 2024: Baubeginn mit Erneuerung der unterirdischen Werkleitungen und ersten Erdarbeiten

Phase 5 – Herbst 2024 bis Frühjahr 2025: Ausführung der oberirdischen Massnahmen, darunter Verlegung des Pflästerbelags, Anlage der Beete, Möblierung, Signalisierung und Installation der Anlagen für das Wassermanagement

Phase 6 – Juni 2025: Inbetriebnahme der umgestalteten Strasse und Einweihungsfest

Kostenrahmen

1,557 million CHF

Bewertung der Jury
Im Rahmen der Neugestaltung der Rue du Temple wurde die als Begegnungszone signalisierte, aber bisher vom Durchgangsverkehr dominierte Strasse erfolgreich aufgewertet. Die Gestaltung von Fassade zu Fassade schafft eine Kontinuität zwischen öffentlichem und privatem Raum. Die Pflästerung korrespondiert mit dem historischen Ortsbild, während die sorgfältige Begrünung und das intelligente Regenwassermanagement die Klimaresilienz stärken und die Umgebungsqualität verbessern. Die Möblierung, der Einbezug der Anwohnerschaft und die Aufwertung des Brunnens fördern die Aneignung des Ortes. Es bleiben jedoch Fragen offen bezüglich der Gleichmässigkeit der Pflästerung sowie der taktilen Wegführung für sehbehinderte Menschen im Bereich der Haus- und Arealzugänge. Das Projekt dient wegen des sorgfältigen Umgangs mit den ökologischen und klimatischen Herausforderungen und des vorbildlichen partizipativen Prozesses als Inspirationsquelle für andere kleine Gemeinden mit einem historischen Zentrum.